Komponenten

Der Scheibenwischer sagt dem Schlechtwetter den Kampf an

Er ist herrlich unattraktiv, geradezu selbstverständlich, und könnte dennoch keine sinnvollere Aufgabe übernehmen: Die Rede ist vom Scheibenwischer. Es war jedoch kein bekannter Name aus der Automobilindustrie, der ihn erfand, sondern eine gewiefte Tüftlerin aus Amerika.

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Der Scheibenwischer schafft den Durchblick. In der Automobilindustrie wurde das grundlegende Design der US-Amerikanerin Mary Anderson später als Vorlage für die Serienausstattung mit Scheibenwischern übernommen.

Lufthutzenattrappe, übergroße Endrohre, Heckspoiler oder formschöne Zierfelgen: Nichts von dem fristet wohl ein undankbareres Schattendasein wie der Scheibenwischer. Obwohl seine Notwendigkeit - im Gegensatz zu den oben genannten Komponenten - wohl bei jedem Auto unbestritten ist. Der Scheibenwischer leidet an seinem Image: Er erzeugt einfach zu wenig Spannung, um jemals in die Verlegenheit zu geraten, irgendeine Form von Emotion bei den Autofahrern zu wecken.

Im Unterschied zu anderen Komponenten verkörpert er weder Kraft noch Geschwindigkeit oder Aerodynamik, sondern allenfalls einen funktionalen Gegenstand, der für Sicherheit sorgt und nicht mehr. Doch die dem Nichtfachkundigen einfach erscheinende Komponente stellt hohe Anforderungen an das Fahrzeug. Bei Versuchsaufgaben wird dies deutlich. Werkstoffeigenschaften, geometrische Feinheiten, Kraftverteilungen und aerodynamische Einflüsse beeinflussen Wischqualität, Abnutzung, Rattergeräusche und Lebensdauer stark.

Meistens fällt der Scheibenwischer aber nur dann auf, wenn er eines nicht tut: funktionieren. Etwa dann, wenn er im Sommer die toten Insekten verschmiert, statt sie von der Frontscheibe zu wischen oder bei Starkregen oder Schneefall nicht für klare Sicht während dem Fahren sorgt. Ohne ihn geht es aber auch nicht. Die Unfallstatistik würde wohl in ungeahnte Höhen schnellen: So als würde es keine Bremslichter mehr an den Fahrzeugen geben.

So herrlich unattraktiv der Scheibenwischer für Autoliebhaber auch sein mag, das absolute Gegenteil ist der Fall, denn die Automobilindustrie hat bis dato keine andere Lösung gefunden, die Scheibe von Schmutz, Regen, Schnee oder Eis zu befreien. Ein Ende dieser Technologie ist so bald nicht in Sicht. Da muss sich der Seitenspiegel schon mehr in Acht nehmen. Bei aktuellen Fahrzeugen wie dem Audi e-tron oder dem neuen Mercedes-Benz Actros setzen die Hersteller bereits auf Außenkameras anstelle von konventionellen Seitenspiegeln. Vielleicht sieht so die Zukunft aus.

© L.Klamert

Der Audi e-tron hat keine konventionellen Seitenspiegel mehr, sondern zwei Außenkameras. Eine Alternative zum Scheibenwischer hat sich bislang noch nicht gefunden. 

Handbetriebene Scheibenwischeranlage

 Ziel der Sichtverbesserung durch Scheibenwischer ist es, dem Fahrer auch bei schlechten Lichtverhältnissen einen ausreichend guten Blick auf die Straße und andere Verkehrsteilnehmer zu geben. Zur Sichtverbesserung tragen natürlich auch Systeme wie der Regensensor bei, der automatisch den Scheibenwischer aktiviert und den Fahrer von dieser Tätigkeit entlastet beziehungsweise Düsen, die Scheibenreiniger auf Front- und Heckscheibe sprühen. Zudem sind in Fahrzeugen mit höherer Ausstattung oft automatische Scheibenwischer eingebaut. Sie schalten sich bei Regen ein, und auch wieder aus, wenn die Scheibe wieder trocken ist.

Bis der Scheibenwischer seine heutige Form erhalten hat, war es, wie so oft, ein denkbar langer Weg, an dem mehrere Leute beteiligt waren. Unvorstellbar ist es aus heutiger Sicht, dass es in den Anfängen der Automobilität Zeiten gab, wo das Fahrzeug bei starkem Regen, Schnee oder anderen Wetterkapriolen die Fahrt unmöglich fortsetzen konnte. Da kam zum Glück einer US-Amerikanerin während einer frostigen Winterfahrt im Jahr 1902 die Idee zu einer Vorrichtung, ohne die wir uns die Mobilität von heute nicht mehr vorstellen können.

https://youtu.be/1O1fwPlkY8M

Bei starkem Regen bemerkte Mary Anderson, dass der Fahrer immer wieder anhalten musste, um Eis und Schmutz von den Fensterscheiben zu entfernen. Das brachte sie auf die Idee der ersten in den USA patentierten Scheibenwischeranlage. Zurück in Alabama entwickelte sie mit einem Designer eine von Hand aus dem Wageninneren betätigte Vorrichtung, fand zunächst aber keinen Käufer dafür. Erst nach Ablauf des Patents wurden Scheibenwischer serienmäßig in die meisten Fahrzeuge eingebaut.

Bis 1916 waren alle Fahrzeuge, die auf amerikanischem Boden hergestellt wurden, mit ihrer Erfindung ausgestattet. Später erfand Charlotte Bridgwood die ersten automatischen Scheibenwischer. Die Erfindung gelang ihr aber nicht vollkommen. Einige Fahrer mussten sich noch immer manuell helfen – mit einer Hand fahren und mit der anderen die Scheibenwischer bewegen. Doch das ist mittlerweile schon lange Geschichte.

Vorsicht vor hinterlistigen Ladenhütern

Rubbelige Bügelwischer wie zu Omas Zeiten wurden mittlerweile durch aerodynamische Flachblattwischer mit höherem Anpressdruck ersetzt. „Es gibt eigentlich nur zwei wesentliche Arten des Verschleißes bei Scheibenwischern: mechanische Abnutzung und Umwelteinflüsse“, erklärt ÖAMTC-Techniker Dominik Darnhofer. „Durch UV-Strahlung und Ozon können die aus Gummi bestehenden Scheibenwischerblätter schnell verspröden.“  

Ein Problem in Zusammenhang mit Scheibenwischern tritt häufig im Winter auf, wenn die Außentemperatur von Plusgraden unter Tags auf Minusgrade in der Nacht fällt. Liegengebliebener Schnee am Dach schmilzt und Wasser sammelt sich zwischen Scheibenwischer und Frontscheibe. „Bei Minusgraden frieren die Scheibenwischer dann an der Scheibe fest. Werden sie aktiviert, kann die scharfe Gummilippe des Wischblattes zerstört werden“, warnt Darnhofer. Besser ist es vor Fahrantritt darauf zu achten.

Bei Scheibenwischern handelt es sich auch um kein Teil des Fahrzeugs, beim dem es große Unterschiede zwischen den Produkten der Hersteller gibt. „Nur bei extremen Minusgraden machen sich Unterschiede bemerkbar, weil das verwendete Materials unter den Bedingungen schneller leidet“, so der ÖAMTC-Experte. Ist der Wischgummi hinüber, gibt es zwei Optionen: Der Griff zu neuen, passenden Scheibenwischern, oder ein Nachschneiden. In der Regel sei das laut dem Experten maximal zweimal möglich, wenn der Scheibenwischer nicht älter als zwei Jahre ist.

https://youtu.be/--g3_kbreFc

Doch nicht immer sind Witterungsverhältnisse an der Abnutzung von Scheibenwischern schuld. Hinderlich ist auch ihr natürliches Ablaufdatum, weiß Darnhofer. „Ein großes Problem ist, dass im Handel oftmals Scheibenwischer im Umlauf sind, die ihre Lebenszeit bereits überschritten haben“, weiß Darnhofer. Der Grund ist, dass Hersteller meist kein Datum angeben.

Die Überlagerung habe einen Einfluss auf die Qualität der Wischblätter, die in vielen Fällen bereits versprödet sind, obwohl der Käufer gutgläubig davon ausgeht, dass es sich um funktionstüchtige Neuware handelt. Im schlimmsten Fall schlieren die „neuen“ Scheibenwischer dann, statt die Frontscheibe vernünftig zu reinigen. „Um zu vermeiden, dass man einen Ladenhüter erwischt, wäre es dem Konsumenten gegenüber fair, die Scheibenwischer mit einem Verfalls-oder Herstellungsdatum zu kennzeichnen“, fordert der ÖAMTC-Techniker.

Scheibenwischer retten Leben

Dass der Scheibenwischer eine Komponente am Fahrzeug ist, die über Leben oder Tod entscheiden kann, zeigt der 60er-Jahre-Filmklassier „Psycho“ von Alfred Hitchcock. In einer Filmszene ist die Hauptprotagonistin des ersten Filmabschnitts auf einer Schnellstraße unterwegs, als sie in einen Starkregen gerät. Unglücklicherweise hat sie zuvor einen gebrauchten Edsel Villager übernommen, ein US-Kombi der nur zwei Jahre von der Ford Motor Company in Dearborn, Michigan, angeboten wurde.

Die Scheibenwischer funktionierten derart unzuverlässig, dass sie sich gezwungen sah, an der nächstbesten Stelle abzufahren, um in einem Motel zu übernachten. Ein kapitaler Fehler, wie sich herausstellen sollte, denn wie es das Schicksal will, hält sie bei „Bates Motel“ und wird dort vom psychopathischen Inhaber brutal ermordet. Zugegeben, es braucht nun wirklich keine derart unglückliche Verkettung von Ereignissen wie diese, um eine lebensbedrohliche Situation herbeizuführen, nichtsdestotrotz, auf die einwandfreie Funktionstüchtigkeit des Scheibenwischers sollte in jedem Fall geachtet werden. 

https://youtu.be/FSlo44VO-lE

Tipps zum Nachschneiden von Wischerblättern

  • Das Nachschneiden macht nur bei Wischern Sinn, die nicht zu alt beziehungsweise spröde sind.
  • Das Schneiden geht leichter von der Hand, wenn es nicht allzu kalt ist und die Blätter vorher gründlich mit einer Spülmittellösung gereinigt wurden.
  • Den Wischer vorher zu demontieren, erleichtert den Schnittvorgang.

Ob das Nachschneiden funktioniert hat, sollte man jedenfalls sofort ausprobieren. Wenn man erst bei strömendem Regen merkt, dass man trotz eingeschaltetem Scheibenwischer nichts mehr sieht, kann es gefährlich werden. 

Wischblätter nachschneiden – so geht’s

  • Scheibenwischer demontieren oder nach vorne klappen
  • Wischgummi mit einem Schwamm reinigen

  • Nachschneider an den Scheibenwischer-Gummi ansetzen

  • Den Nachschneider in gleichmäßiger Geschwindigkeit über das Wischblatt ziehen

  • Den Schritt beim zweiten Scheibenwischer ebenfalls durchführen

  • Scheibenwischer wieder montieren oder wieder auf die Windschutzscheibe klappen

  • Als Test die Scheibenwaschanlage anschalten. Es sollte nun ein schlierenfreies klares Wischbild entstehen.

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