BIM Papinski im Gespräch

"Selbst kalkulieren, nicht kalkulieren lassen"

Die Karosserie- und Lackierbranche ist momentan mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Welche das sind, das hat uns Erik Paul Papinski, Bundesinnungsmeister der Berufsgruppe Karosseriebautechniker und Karosserielackierer, verraten.

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Erik Paul Papinski, Bundesinnungsmeister der Berufsgruppe Karosseriebautechniker und Karosserielackierer in der Wirtschaftskammer Österreich

In Zeiten der Digitalisierung ist es für den obersten Branchenvertreter besonders wichtig, dass die Karosserie- und Lackierbetriebe Schäden an Kundenfahrzeugen genau dokumentieren und im Anschluss dann auch kalkulieren. „Selbst kalkulieren und nicht kalkulieren lassen“, mahnt Papinski. „Die meisten Betriebe haben unter fünf Mitarbeiter. Gleichzeitig steigt der administrative Aufwand weiter. Dieser kann pro Auftrag schon einmal bis zu 80 Minuten betragen. Aus diesem Grund wird es für die Unternehmen immer schwieriger, die zeitlichen Ressourcen für die Kalkulation bereitzustellen.“

Da durch die zunehmende Digitalisierung auch die Kalibrierung und Justierung von Assistenzsystemen immer komplexer wird, spricht sich Papinski dafür aus, die geeigneten Geräte den Kfz-Betrieben mittels Mietmodellen nur für jenen Zeitraum zur Verfügung zu stellen, in dem diese benötigt werden. „Hier sind die Gerätehersteller gefordert. Das Argument der Schnelligkeit lasse ich auch nicht gelten, da es heutzutage im Einzelfall sehr lange dauern kann, bis die OEM geeignete Ersatzteile zur Verfügung stellen können.“ Der Bundesinnungsmeister kritisiert in diesem Zusammenhang die geringen Margen und die schlechte Verfügbarkeit bei den Ersatzteilen. „Für mich ist es unverständlich, dass gewisse Ersatzteile in Österreich zwar nicht erhältlich sind, aber über Osteuropa dann doch den Weg in die heimischen Werkstätten finden. Der Sinn hinter dieser Ersatzteildisposition erschließt sich mir nicht. Die Fahrzeughersteller sollten danach trachten, die notwendigen Ersatzteile verfügbar zu halten. Auch die Preispolitik ist fraglich, denn die Fahrzeughersteller lagern oftmals die Entwicklungskosten für bestimmte Fahrzeugteile komplett aus.“

Keine weiteren Steuern

Im Rahmen der technologischen Entwicklung und der zu erwartenden Veränderungen im Mobilitätsverhalten geht Papinski nicht davon aus, dass das Reparaturgeschäft komplett wegfallen wird. Größere Schäden würden zwar tendenziell abnehmen, aber auch technische Systeme würden mit Ausfällen behaftet sein. Bei allen positiven Aspekten zur Erhöhung der Sicherheit würde die Technisierung der Fahrzeuge viele Konsumenten schon heute überfordern. Scheinwerfer und Stoßstangen sind heute so komplexe Bauteile, dass im Schadenfall bei einem Austausch hohe Kosten anfallen. Das Mobilitätsverhalten wird sich laut dem Bundesinnungsmeister auf jeden Fall verändern, denn schon jetzt verliert das Auto im städtischen Gebiet zunehmend an Attraktivität. Viele junge Menschen würden auf das Auto verzichten oder erst gar nicht mehr den Führerschein machen. „Die Fahrzeuge werden kleiner werden und einzelne Sharing-Konzepte sich auf jeden Fall durchsetzen“, glaubt Papinski. Dem gegenüber steht der Altfahrzeugbestand, der die Kfz-Branche noch länger begleiten wird. Einer CO2-Steuer, wie aktuell heftig diskutiert, erteilt er eine klare Absage: „Mit der Normverbrauchsabgabe wurde in Österreich bereits vor längerer Zeit eine CO2-Besteuerung eingeführt. Eine weitere Steuer würde die Konsumenten nur noch mehr verunsichern.“

Appell an die Politik

Von einer neuen österreichischen Bundesregierung, die wohl noch länger auf sich warten lassen wird, erwartet Papinski nicht nur Schlagwörter, sondern vernünftige Maßnahmen mit notwendigem Augenmaß. Als Hauptziel für ihn müsste der Faktor Arbeit von Kosten befreit werden. Daneben sollte ebenso das Ausbildungsschema überdacht werden. „Das duale Ausbildungssystem ist zwar unbestritten ein Erfolgsmodell, muss aber angepasst werden. Ein 15-Jähriger ist heute oftmals nicht in der Lage, über sein restliches Leben zu entscheiden. Ich plädiere bei der Lehrausbildung für ein 2+2-Modell, das heißt in den ersten beiden Jahren sollten die Grundbegriffe für die Ausübung eines Handwerks erlernt werden. Über diese zwei Jahre sollte es eine Ausbildungsbescheinigung geben, die wichtig ist, wenn ein Jugendlicher in einen anderen Lehrberuf wechseln oder überhaupt die Ausbildung abbrechen will. In den weiteren zwei Jahren könnten unterschiedliche Module – Karosseriebautechnik, Lackierung, Programmierung bzw. Computertechnik – für die notwendige Spezialisierung sorgen. Gerade Programmierkenntnisse könnten in Zukunft notwendig sein, um ein Fahrzeug nach einem Schaden wieder auf die Straße zu bringen.“ Zudem plädiert Papinski dafür, den Stellenwert der Lehre in der öffentlichen Wahrnehmung zu erhöhen. Denn schon in der Gegenwart gibt es einen eklatanten Fachkräftemangel. Auch hier sieht er die Politik gefordert: „Die Berufsschulen brauchen moderne Lehrbehelfe, nicht nur verbal, sondern auch hinsichtlich der technischen Ausstattung.“

Erik Paul Papinski (62) wird bei den kommenden Wirtschaftskammer-Wahlen im Frühjahr 2020 nicht mehr für ein Amt zur Verfügung stehen. „Ich überlasse das Feld gerne der jüngeren Generation“, so Papinski mit einem Augenzwinkern.