Produktion soll Mitte März wieder anlaufen : KTM-Sanierungsplan wurde mehrheitlich angenommen

Der Fortbestand der insolventen KTM-AG dürfte vorerst gesichert sein.
- © eyewave - stock.adobe.comDie Gläubiger haben am Dienstag im Landesgericht Ried im Innkreis den Sanierungsplan für den Motorradhersteller mehrheitlich angenommen. Die entscheidende Runde lief seit 9 Uhr morgens. Eine 30-prozentige Barquote soll bis 23. Mai ausbezahlt werden. "Game-Changer" war laut Sanierungsverwalter Peter Vogl, dass der indische KTM-Partner Bajaj Montagabend 50 Mio. Euro überwiesen habe. Welcher Investor letztlich einsteigen wird, ist aber noch nicht bekannt.
Die Überweisung von 50 Mio. Euro habe das Risiko von den Gläubigern weggenommen und deren Vertrauen gestärkt, so Vogl. "Eher 90 als 80 Prozent" der Gläubiger – nach Kapital gerechnet – hätten den Sanierungsplan angenommen, nach Köpfen gezählt habe es bei rund 3.500 Zustimmungen nur 37 Gegenstimmen gegeben. Im Wesentlichen seien das ein großer und einige kleine Gläubiger gewesen, so Vogl.
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Wir sind vor drei Monaten zu Sturz gekommen und wir sind so schwer gestürzt, dass wir alleine nicht wieder hätten aufstehen können.CEO Gottfried Neumeister
Investorenprozess läuft noch
Stefan Pierer – mittlerweile nur noch Co-CEO – war zu der Tagsatzung erschienen, wie es gesetzlich vorgesehen ist. Im Anschluss daran verließ er das Gerichtsgebäude aber eilig und vorbei an den wartenden Medienvertretern. CEO Gottfried Neumeister zeigte sich nach dem Termin sichtlich erleichtert: "Wir sind vor drei Monaten zu Sturz gekommen und wir sind so schwer gestürzt, dass wir alleine nicht wieder hätten aufstehen können." Diese Hilfe habe "schmerzliche Einschnitte bedeutet, für Gläubiger, Lieferanten etc."
Mit der Annahme des Sanierungsplans "haben wir Zeit gewonnen, den Investorenprozess, den wir begonnen haben, ordnungsgemäß fortzuführen", so Neumeister weiter. Wer bei KTM einsteigen wird, ist aber nach wie vor offen, ebenso wie viele Bewerber noch im Rennen sind. Man verweist auf "vertrauliche Gespräche". Aber: "Ich kann Ihnen versichern, dass alle Teilnehmer an einer Fortführung interessiert sind und nicht nur an der Marke oder einer Zerschlagung." Weitere Arbeitsplätze sieht er derzeit nicht in Gefahr.
Kreditschützer zufrieden
Die Bestätigung der Sanierung werde jedoch auch davon abhängig sein, dass die voraussichtlich bis zum 23. Mai entstehenden Fortführungskosten in der Höhe von rund 150 Mio. Euro hinterlegt oder sichergestellt sind, teilte der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) mit. Die erste Tranche dieser Fortführungsgarantie von 50 Mio. Euro sei bereits auf einem Treuhandkonto des Sanierungsverwalters eingelangt. Geplant ist, dass die Produktion Mitte März 2025 wieder aufgenommen wird.
Von der Creditreform hieß es am Dienstagnachmittag zur APA, dass die Investoren zwar noch nicht bekanntgegeben wurden, aber die Fortsetzung des Betriebes vorerst gesichert ist. Auch der Kreditschutzverband KSV1870 gab sich zufrieden: "Aus Gläubigersicht sind ein Investoreneinstieg und die Fortführung des Unternehmens wirtschaftlich sinnvoll. Bei einer insolvenzgerichtlichen Schließung und Zerschlagung des Unternehmens würden die Gläubiger eine Verteilungsquote von knapp unter 15 Prozent erhalten."
Aktienkurs von Pierer Mobility verdoppelt
Die Konzernmutter Pierer Mobility hielt zur weiteren Vorgehensweise in einer Aussendung fest: "Die geplante Vollauslastung der vier Produktionslinien im Einschichtbetrieb soll innerhalb von drei Monaten erreicht werden." Die Börse war offenbar von vornherein von der Rettung des Unternehmens ausgegangen. Der Aktienkurs der KTM-Mutter Pierer Mobility hat sich seit Bekanntwerden der KTM-Insolvenz Ende November verdoppelt.
KTM-Krise: Ein Rückblick
Vor einem Jahr war in Mattighofen beim Motorradkonzern KTM noch alles "Ready to Race". Die Konzernmutter Pierer Mobility – vormals KTM Industries – verkündete einen voraussichtlichen Rekordumsatz und -absatz für 2024. Für 300 Beschäftigte kam die Nachricht allerdings zu spät, sie wurden bereits im Dezember 2023 zur Kündigung angemeldet. Kurz darauf kam der nächste Dämpfer: Seriensieger KTM musste sich bei der Wüstenrallye Dakar nur mit dem vierten Platz zufriedengeben.
Wenige Tage später kamen die nächsten schlechten Meldungen aus dem Konzern. In der Jahresbilanz zeigte das operative Ergebnis (EBIT) deutliche Tendenz nach unten. Die Kennzahl lag 2023 bei 160 Mio. Euro und damit um 32 Prozent unter dem Vorjahreswert. Trotz guter Nachfrage und deutlich höherer Zinsen seien die Kosten für Lagerbestände deutlich nach oben gegangen, daher habe Konzernchef Stefan Pierer seinen Händlern verlängerte Zahlungsziele und höhere Rabatte gewähren müssen, hieß es damals. Es folgte eine Dividendenkürzung von 2 auf 0,50 Euro je Aktie.
Zusätzlicher Abbau von Forschungsjobs
Doch das Unternehmen blieb am Gas und gab Mitte März 2024 die Übernahme der Mehrheit des italienischen Motorradbauers MV Agusta bekannt. Bereits seit Herbst 2022 hatte man eine Minderheitsbeteiligung gehalten. Unmittelbar darauf gab KTM bekannt, dass man 120 Forschungsjobs abbaut – zusätzlich zu den 300 Jobs, die bereits Ende 2023 zur Kündigung beim AMS angemeldet worden waren.
Die Pierer Industrie als Dachgesellschaft des Imperiums von Stefan Pierer (Pankl Racing, KTM, Husqvarna, GasGas, ...) kam aber auch anderweitig in die Schlagzeilen. Im Frühjahr 2024 wurde bekannt, dass Pierer laut Recherchen von "'Der Standard" und ORF rund um eine Lebensversicherung in Liechtenstein Millionen Euro an Steuern nachzahlen musste.
Gewinnwarnung und Restrukturierungsverfahren
Im Juni gibt die Pierer Mobility eine Umsatz- und Gewinnwarnung heraus. Man rechne für 2024 mit einem Umsatzrückgang um 10 bis 15 Prozent. Trotzdem wurde kurz darauf bekannt, dass Pierer, Mark Mateschitz sowie der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ) über eine Kapitalerhöhung beim Feuerwehrausrüster Rosenbauer einsteigen.
Im August wird der Abbau von 200 weiteren Jobs bekannt gegeben, mit Anfang September bekommt die Pierer Mobility AG und KTM AG mit Gottfried Neumeister einen Co-CEO neben Stefan Pierer.
Am 13. November 2024 benötigt Motorradhersteller KTM eine Finanzierung in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages. Ziel sei es, durch eine signifikante Reduktion der Produktionsmengen die Lagerbestände auf Ebene der KTM wie auch auf Händlerebene auf ein wirtschaftlich nachhaltiges Niveau abzubauen. Es drohe 1.000 der rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter womöglich eine temporäre Kündigung.
Insolvenzantrag im November
Ende November des Vorjahres wird ein europäisches Restrukturierungsverfahren nach der Restrukturierungsordnung (ReO) eingeleitet. Das in Österreich erstmals angemeldete Verfahren ist laut Unternehmensangaben "notwendig", um Finanzierungen in Höhe von rund 250 Mio. Euro "in voller Höhe zurückführen zu können".
Am 29. November folgt dann der Hammer: Die KTM AG bringt beim Landesgericht Ried im Innkreis einen Insolvenzantrag ein. Er umfasst auch die Töchter KTM Components GmbH sowie KTM F&E GmbH. Von drei Insolvenzen sind insgesamt 3.623 Dienstnehmer betroffen, die Gesamtverbindlichkeiten werden auf rund 2,9 Mrd. Euro bei 2.500 Gläubigern geschätzt, erklärte der AKV. Die Insolvenzgläubiger sollen eine Quote von 30 Prozent erhalten. Sanierungsverwalter Peter Vogl geht von der Fortführung des Unternehmens aus und Firmenchef Pierer zieht sich als Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Oberösterreich zurück.
Millionenschulden und Rücktritt von Stefan Pierer
Zu all den schlechten Nachrichten wird bekannt, dass die insolvente KTM AG und ihre ebenfalls zahlungsunfähigen Töchter KTM Components und KTM Forschung & Entwicklung dem Finanzamt 18,6 Mio. Euro und der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) 15,1 Mio. Euro schulden.
Kurz vor Weihnachten 2024 beschließt das Landesgericht Ried nach der Berichtstagsatzung die Fortführung der insolventen KTM AG. Die Eigenverwaltung im Sanierungsverfahren bleibt erhalten. Der erwartete Gläubiger-Andrang am Landesgericht bleibt aus. Nach den Weihnachtsfeiertagen werden auch die Dezember-Löhne überwiesen. Novemberlöhne und -gehälter sowie das Weihnachtsgeld werden über den Insolvenzentgeltfonds abgewickelt.
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Neumeister wird CEO
Das neue Jahr 2025 beginnt dann mit einem Rücktritt, bzw. mit einem Tritt zur Seite. Stefan Pierer gibt den Vorstandsvorsitz beim Mutterkonzern Pierer Mobility und der KTM AG ab. Zum CEO wird der im Konzern bereits leitend als Vorstand tätige Gottfried Neumeister. Pierer bleibe Co-CEO, er wolle den "Sanierungsprozess begleiten", so der Konzern damals.
Am 27. Jänner gibt es dann gute Nachrichten für den Motorradbauer und die ganze Region: Die Aktionäre der Pierer Mobility stimmen in einer außerordentlichen Hauptversammlung für eine Kapitalerhöhung. Die Investorensuche zur Rettung des Traditionsbetriebes dauert aber an.
Am 20. Februar wird dann der Restrukturierungsplan der Pierer Industrie aus dem Konzernreich von Stefan Pierer angenommen. Der Plan sieht vor, dass 68,69 Prozent der Finanzierungen bis Ende 2026 und der Rest bis 2027 getilgt werden, zuzüglich vereinbarter Zinsen.