Interview

Transporter und Pick-ups: „Aktuell sind bereits viele Lager leer“

Mit 1. Juli 2021 wird erstmals für leichte Nutzfahrzeuge (Lkw der Klasse N1) in Österreich die Normverbrauchsabgabe (NoVA) fällig. Welche Auswirkungen das auf den Fahrzeugmarkt hat und haben wird, haben wir mit Günther Kerle, Sprecher der österreichischen Automobilimporteure, und mit Klaus Edelsbrunner, Obmann des Bundesgremiums Fahrzeughandel, besprochen.

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Mit 1. Juli 2021 wird erstmals auch für leichte Nutzfahrzeuge (Lkw der Klasse N1) die NoVA fällig

Die NoVA für leichte Nutzfahrzeuge gilt als beschlossen. Dennoch war zuletzt von offenen Punkten zu hören, die es mit dem Finanzministerium zu klären galt.

Günther Kerle: Richtig, bei diesen Gesprächen ist es allerdings nicht darum gegangen, die NoVA für leichte Nfz rückgängig zu machen, sondern Details bei der Berechnung zu klären. Schließlich werden viele Lkw der Klasse N1 als reines Fahrgestell ausgeliefert, die Aufbauten werden erst danach von externen Spezialisten montiert. Somit musste die Frage geklärt werden, zu welchem konkreten Zeitpunkt die NoVA fällig wird. Wir hoffen, dass die sogenannte Durchführungsbestimmung mit Mai unter Dach und Fach ist, damit sich der Fahrzeughandel noch zwei Monate auf die neue NoVA vorbereiten kann.

Klaus Edelsbrunner: Automobilimporteure, Fahrzeughandel und Interessenorganisationen haben in intensiver Arbeit in den vergangenen Wochen gemeinsam mit dem Finanzministerium einen 400 Seiten starken Erlass erarbeitet, der nach der Begutachtung im Ministerrat beschlossen werden soll.

Im Februar sind die Neuzulassungen von Lkw der Klasse N1 auf Jahressicht um 15,25 Prozent gestiegen. Was ist für den Jahresverlauf zu erwarten?

Kerle: Im ersten Halbjahr wird es viele Vorziehkäufe geben, allerdings besteht das Problem, dass die Lager bei einigen Händlern leer sind und es gegenwärtig bereits Lieferzeiten bis September/Oktober gibt. Das heißt, es muss rasch geklärt werden, ob ein Fahrzeug noch zeitgerecht bis Ende Oktober ausgeliefert werden kann – denn nur in diesem Fall wird keine NoVA fällig. Aus diesem Grund laufen bereits Gespräche mit dem Finanzministerium über eine eventuelle Verlängerung der Auslieferungsfrist.
Edelsbrunner: Bei vielen Händlern sind die Lager leer, somit sind viele Lkw der Klasse N1 nicht mehr prompt verfügbar. Bei manchen Marken sind wir uns jetzt – Stand Anfang April – gar nicht mehr sicher, ob Fahrzeuge bis 31. Oktober überhaupt noch ausgeliefert werden können. Denn die Hersteller liefern in der Regel nur Kundenautos aus, das heißt Kundenbestellungen gehen immer vor Lagerbestellungen. Die Kontingente der Hersteller für ein kleines Land wie Österreich sind generell begrenzt.

Welchen Einfluss hat die Einführung der NoVA auf den Markt der leichten Nutzfahrzeuge?
Kerle: Durch die Einführung der NoVA sind die Vorziehkäufe so ausgeprägt, das im Gesamtjahr ein sattes Plus zu Buche stehen wird. Für 2022 erwarte ich allerdings ein schwieriges Jahr.
Edelsbrunner: Das Gesamtjahr wird sehr positiv aussehen, weil das erste Halbjahr bis dato ausgezeichnet gelaufen ist. Viele Händler haben schon jetzt ihre Jahresziele erreicht. Im zweiten Halbjahr und 2022 werden Firmen nur mehr dann ein neues Fahrzeug kaufen, wenn ein bestehendes – durch Unfall oder andere Gründe – dringend ersetzt werden muss.

Ist es denkbar, dass Händler bzw. Importeure einen Teil der NoVA für ihre Kunden „kompensieren“?
Kerle: Einen Teil der NoVA zu übernehmen, funktioniert vielleicht bei kleinen Pkw, wo dies nur einen geringen Betrag ausmacht. Bei leichten Nutzfahrzeugen gibt es Fahrzeuge, für die in Zukunft bis zu 10.000 Euro NoVA anfällt. Diese Mehrkosten wird der Händler an die Kunden und die wiederum an ihre Kunden weitergeben (müssen).
Edelsbrunner: Schon jetzt ist die Rabattsituation bei leichten Nutzfahrzeugen noch deutlich angespannter als im Pkw-Segment. Für die Händler bietet sich somit keine Möglichkeit, den Kunden hier noch mehr entgegenzukommen.

Ist ein kompletter Verzicht auf den Verbrennungsmotor im Transportersegment denkbar?
Kerle: Aus heutiger Sicht eindeutig nein. Zwar wird das Angebot unter den emissionsfreien Fahrzeugen immer größer, aber die Reichweiten für einen Einsatz außerhalb von Ballungsräumen sind weiterhin zu gering. E-Antriebe sind bei kleinen Lieferwägen durchaus sinnvoll, bei Personentransportern und Pritschenwägen hingegen noch nicht.
Edelsbrunner: Bei leichten Nutzfahrzeugen geht es im Gegensatz zum Pkw um den reinen Nutzen und da sind die Reichweiten von E-Transportern meist nicht ausreichend. Das leichte Nutzfahrzeug ist für die jeweilige Firma nur ein Werkzeug, das sich in den fünf Jahren der Abschreibung bestmöglich rechnen muss.

Politische Konstellationen können sich rasch ändern. Rechnen Sie für die Zukunft mit einer (teilweisen) Zurücknahme oder Abschwächung bei der NoVA für leichte Nutzfahrzeuge?
Kerle: Diese Hoffnung habe ich nicht. Im Gegenzug könnte ich mir aber vorstellen, dass die Förderungen für E-Fahrzeuge prolongiert und sogar ausgebaut werden könnten.
Edelsbrunner: Mit dem Erlass konnten einige Verbesserungen erzielt werden. Mit einer Rücknahme der NoVA für Lkw der Klasse N1 rechne ich aber nicht.