E-Mobilität

Erlösquellen unter Druck: Auf der Suche nach neuen Konzepten im Aftersales-Markt

Einfach wird es das Kfz-Servicegeschäft nicht haben, aber es wird sich mit neuen Ideen weiterhin behaupten können. In welche Richtung sich das Geschäft nach dem Autoverkauf künftig entwickeln könnte, lesen Sie hier.

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Das Geschäft mit dem Ölwechsel wird noch lange gehen, die Autobestände mit Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor bauen sich auch bis 2030 nicht so schnell ab. 

Bei seiner Rede auf dem Neujahrsempfang des Verbands der Automobilhersteller (VDA) in Berlin, ließ sich VDA-Präsident Bernhard Mattes offenbar vom Wetterbericht inspirieren: das vergangene Jahr war stürmisch, das Tiefdruckgebiet ist zwar noch nicht ganz vorüber, aber die Lichtstreifen am Horizont bereits erkennbar.

Ob es sich dabei um Blitze oder erste Aufhellungen handle, sei nicht immer ganz klar. Mattes beschreibt hier die schwierigen Zeiten der Automobilindustrie, die in den letzten Jahren großen Unsicherheiten und Risiken ausgesetzt war und auch in den kommenden Jahren ausgesetzt sein wird.

Es sind aber nicht nur die sturen Handelsstreitigkeiten mit der USA, die die Dinge für die Automobilindustrie komplexer machen. Ein weiterer großer Unsicherheitsfaktor ist erst dazu getreten: der Brexit. Die Angst vor einem ungeregelten Ausstieg Großbritanniens ist innerhalb der Automobilindustrie groß. Autobauer, Automobilzulieferer und Transportunternehmen fürchten Umsatzeinbußen und einen Anstieg des bürokratischen Aufwands, wenn keine vernünftigen Regelungen erzielt werden können.

Eine Königsaufgabe bis 2030

Auch sinkende Exportzahlen nach China sorgen für Verspannungen im automotiven Sektor: „Die Importe in China brachen im Dezember um 7,6 Prozent ein, der dortige Pkw-Absatz ging im Jahr 2018 - erstmals seit vielen, vielen, vielen Jahren“, sagte Mattes in seiner Rede über den aktuellen Stand. Eine wichtige Aufgabe für die Branche sei es nun, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen.

Dazu braucht es überzeugende Strategien in den Bereichen Digitalisierung, Vernetzung, Emissionssenkung, Elektromobilität und alternative Antriebe. Vielschichtiger könnte der Berg an Arbeit also nicht sein, den es abzuarbeiten gilt. Die Industrie muss sich entsprechend auf die Anforderungen vorbereiten. Dazu zählen auch neue Konzepte für das Servicegeschäft, das sich bis 2030 radikal verändern wird und nach dem Autoverkauf ein wesentlicher Umsatztreiber ist.

Elektroautos lassen Kfz-Aftersale einbrechen

Die Elektromobilität und später auch das autonome Fahren rütteln das Ersatzteil- und Servicegeschäft im Aftersales-Bereich ordentlich auf. Die Berylls-Studie „Quo vadis OEM Aftersales?“ rechnet vor, dass sich an einem konventionell angetriebenen Auto heute im Durchschnitt pro Jahr etwa 790 Euro Umsatz erzielen lassen, bei einem E-Auto sinkt dieser Betrag auf 540 Euro.

Aktives Handeln von Herstellern und Händlerbetrieben sei laut den Machern der Studie dringend notwendig, denn E-Mobilität und autonomes Fahren in Shared-Flotten lassen die Aftersales-Erlöse um bis zu 76 Prozent einbrechen. Der Grund ist, dass der Bedarf für Reparaturen, Wartung und Ersatzteile drastisch zurückgeht, streicht die Aftersales-Studie hervor. Das kommt zwar dem privaten und gewerblichen Anwender zugute, nicht aber der Branche, die dadurch Verluste einfährt.

Geschäftsfelder verändern sich

Alexander Hotowy vom Beratungsunternehmens accilium skizzierte auf der EL-Motion seine Vision, in welche Richtung sich die Geschäftsfelder der automotiven Teilmärkte verändern werden. Er destillierte in seinem Vortrag wichtige Trends, mit denen die Autobranche samt Kfz-Ersatzteil- und Servicegeschäft über kurz oder lang konfrontiert wird.

„Der Fahrzeugverkauf an sich macht eine verschwindet kleine Zahl aus, viel spannender ist die Entwicklung des Aftersales-Bereich und der Financial Services“, sagte Hotowy und ergänzte: „Mobilität als Service wird ein viel größerer Markt werden, als er heute ist.“ Nicht nur werden neue Geschäftsmodelle aus Mobilitätsdiensten entstehen, sondern auch aus dem Teilen von Fahrzeugdaten.  

Andere könnten das Rennen machen

Im Aufbau von Mobilitätsplattformen liegt für den Berater der Schlüssel. Hotowy hat digitale Online-Marktplätze für Kunden vor Augen, die die Plattformbesitzer (Automobilhersteller) mit den Serviceanbietern (Softwareanbieter, Ladestrukturanbieter, Energiebereitsteller) zusammenbringen. Der Weg in Richtung einer solche Plattform ist laut Hotowy die größte Herausforderung, ein Dialog aller Beteiligten Unternehmen „auf Augenhöhe“ sei wichtig für das gelingen.

Die digitale Transformation wird jedenfalls stattfinden und das Elektrofahrzeug ist optimal dafür. Autohersteller würden ihre eigenen Strategien im Zuge der E-Mobilitätswelle bereits auf neue Erlösmodelle ausrichten. Für die Automobilindustrie liegt die große Chance in einer Koexistenz von neuem und alten Geschäftsmodell. Wer jedoch nicht rechtzeitig auf den Zug aufspringt, dem droht, dass das Geschäft der Zukunft an jemand anderen geht - etwa Energieversorger.

Kunden werden immer bequemer

Viele kleine Mobilitätslösungen- und Plattformen auf lokaler Ebene seien deshalb problematisch, weil Kunden bequem sind und immer bequemer werden. „Wir wollen nicht jedes Mal für unterschiedliche Anwendungsfälle verschiedene Apps bedienen, denn das ist lästig“, so Hotowy. Besser wären E-Mobilitätslösungen, die gebündelt über eine einzige Plattform funktionieren.

Die Angst vor service- und wartungsärmeren Fahrzeugen kann er indes nicht teilen: „E-Mobilität sollte stattdessen als treibende Kraft gesehen werden, neue Einkommensquellen und Geschäftsfelder zu erschließen.“ Auch mit der Shared Mobility nimmt der Berater es gelassen: „Shared Mobility heißt nicht automatisch, dass weniger Autos auf den Straßen sein werden.“  

Verstärkte Konfrontation mit Online-Verkauf

Neben den sogenannten Intermediären, die immer größere Bedeutung erlangen - darunter Versicherungen, Leasing-Gesellschaften und Online-Serviceportale - beeinflusst der Online-Vertrieb die Kräfteverhältnisse und das Beziehungsgeflecht zwischen den Akteuren des Aftermarket zunehmend. Die Strukturen werden sich aber auch anderweitig ändern: Neben dem physischen Vertrieb wird die Automobilbranche verstärkt mit dem Online-Verkauf konfrontiert. Dieser Trend zeichnet sich schon seit längerem ab.

Verbrenner wird es noch lange geben

Die Berylls-Studie beruhigt aber auch. 1,5 Milliarden Autos werden 2035 weltweit unterwegs sein, um die Hälfte mehr als heute. Die meisten von ihnen werden noch mit einem klassischen Antriebsstrang ausgestattet sein und brauchen auch weiterhin einen Service mit kurzen Wartungsintervallen zum Wechsel von Ölfiltern, Zahn- und Keilriemen.

Für die neue Mobilitätswelt wird es auch entsprechende Werkstattservices geben müssen: Denn Robotaxi-Flotten und Mobility as a Service-Fahrzeuge wollen auch gewartet werden. In den nächsten zehn Jahren sollen in USA, China und Europa etwa 20 Millionen weitgehend autonome Fahrzeuge für professionelle Mobilitätsdienstleistungen auf die Straße kommen.

Berylls hat für sie ein Umsatzpotenzial für neue Aftersales-nahe Dienstleistungen von bis zu 320 Milliarden Euro errechnet. Schließlich werden diese Mobile fast permanent genutzt und erreichen pro Jahr eine Laufleistung von voraussichtlich 100.000 Kilometern und müssen daher entsprechend häufig gecheckt werden.

Daraus ergeben sich Betreibermodelle, die diese Fahrzeuge laden, reinigen, reparieren und bei Nichtbedarf parken. Immerhin können Anbieter, die sich hier engagieren und sogenannte Hubs für diese Flotten betreiben, den Wegfall von Ölwechseln und Zündkerzentausch kompensieren.

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